Kurzgeschichte: Krach beim Geburtstagskuchen

Schon seit Wochen hatte sie sich auf diesen Tag gefreut! Nicht nur, dass heute ihr Geburtstag war, auch ihre ganze Familie würde endlich wieder einmal zusammenkommen. Schon so lange hatte Annegret ihre Söhne und deren Kinder nicht gesehen, waren doch alle immer sehr beschäftigt und hatten keine Zeit. Umso mehr begeisterte sie die Vorstellung, wie sie heute Nachmittag alle um ihren großen Tisch sitzen und bei Kaffee und Kuchen von den letzten Ereignissen in ihrem Leben erzählen würden. Sie stand dafür extra schon seit dem Morgengrauen in der Küche und backte einen Kuchen nach dem anderen. An so einem besonderen Tag sollte jeder ihrer Gäste seinen liebsten Kuchen vorfinden, da würde die Freude gleich noch viel größer sein.

Erschöpft strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, sehr bedacht sich nicht mit Mehl zu beschmieren. Sie holte sich ihren erhöhten Holzhocker aus der Vorratskammer und setze sich langsam darauf. So wenig sie es sich eingestehen wollte, sie war nun wirklich nicht mehr die Jüngste. Doch obwohl heute ihr 86. Geburtstag war, strotzte sie nur so vor Lebensfreude.
Täglich ging sie um 7 Uhr zum Frühschwimmen und drehte da ihre Bahnen. Es war doch immer wieder ein Erfolgserlebnis für sie, wenn sie die jungen, ungeübten Hüpfer auf der geraden Bahn überholte und abzog. Sie musste in diesen Momenten immer sehr an sich halten, um nicht einen triumphierenden Blick zurück zu werfen und vor Freude laut aufzulachen.
Danach ging es nach Hause und sie verbrachte den restlichen Tag damit zu lesen, Kreuzworträtsel zu lösen und Sprachen zu lernen.
Einmal die Woche hatte sie dann noch ihren Volkstanzkurs, wo sie mit anderen älteren Herrschaften das Tanzbein schwang.
Auch wenn sie abends erschöpft ins Bett fiel und ihr Körper von der Anstrengung des Tages schmerzten, so wollte sie nichts dieser Freuden missen.

Als alle Kuchen fertig waren und auskühlten, begann Annegret die Tafel zu decken. Sie nahm extra das gute Geschirr und faltete aus Stoffservietten hübsche Bestecktaschen.
Als sie gerade dabei war das Wasser für die heißen Getränke aufzusetzen, ertönte die heiß ersehnte Türklingel. Eilig ging sie in den Flur und schaute ein letztes Mal im Spiegel nach, ob ihre Frisur auch ordentlich saß und öffnete dann die Tür.

Nachdem sie jeden nacheinander mit einer herzlichen Umarmung und Küsschen begrüßt hatte, führte sie alle ins Esszimmer, wo schon die gedeckte Tafel mit den verschiedensten Kuchen wartete.
Alle setzten sich hin und Annegret, die am Kopf des Tisches stand, strahlte alle an.
„Ich freue mich so unendlich, dass ihr alle gekommen seid, ihr habt ja keine Ahnung wie viel mir das bedeutet!“.
Während sie fortfuhr versuchte sie es zu ignorieren, dass zwei ihrer Enkelkinder an ihren Handys waren und wie wild darauf eintippten.
„Für diesen besonderen Anlass habe ich extra für jeden seinen liebsten Kuchen gebacken, ich hoffe es schmeckt euch. Ach wie mich das doch an meine Zeit in der Konditorei erinnert! Was habe ich es doch geliebt zusammen mit eurem Vater und Großvater die schönsten Torten zu verzieren, kein Spritzbeutel war vor mir sicher. Am liebsten habe ich Hochzeitstorten verziert, wunderschön mit Zuckerrosen und gespritzter Spitze. Das erinnert mich an die Geschichte mit der Torte für den französischen Botschafter…“
Sie blickte alle an und hielt inne, als sie die genervten und gelangweilten Blicke sah, die sich ihr jüngster Sohn und seine Frau zuwarfen. Auch die restlichen Enkelkinder schenkten ihr nun keine Aufmerksamkeit mehr, sondern waren auch an ihren Handys oder flüsterten sich gegenseitig etwas zu. Als sie sah wie ihr ältester Sohn die Augen verdrehte, setzte sie sich abrupt hin und versuchte sich die Enttäuschung und wie sehr sie dieses Verhalten verletzte, nicht anmerken zu lassen.
„Nun aber das ist ja jetzt auch unwichtig, ich wünsche euch einen guten Appetit!“, sagte sie entmutigt und schnitt den ersten Kuchen an.

Während alle dasaßen und sich am Kuchen bedienten, fühlte Annegret sich wie ein anonymer Beobachter der Geschehnisse. Alle redeten quer über den Tisch, keiner ließ den anderen zu Wort kommen und jeder versuchte durch immer höhere Lautstärke, der eigenen Meinung Gewicht zu verleihen. Keiner der Anwesenden hörte seinem Gesprächspartner wirklich zu, sondern schien nur darauf zu brennen, selbst zu dem Thema etwas sagen zu können.
Annegret schienen sie alle dabei völlig vergessen zu haben.

Sie zwang sich ihren Kuchen zu essen und zu lächeln. Mehrere Male hatte sie nun schon versucht sich in das Gespräch mit einzubringen, doch immer wieder war sie unterbrochen oder abgewürgt worden.
So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Es sollte doch ein nettes Miteinander werden, wo ihr jeder Erzählte was ihn so bewegte und wo sie vielleicht sogar den einen oder anderen Ratschlag geben konnte.
Sie wollte selbst erzählen was in ihrem Leben so los war, dass sie eine neue Dame als Nachbarin hatte und die beiden sich blendend verstanden. Dass sie neuerdings mit Spanisch lernen angefangen hatte und sich sogar schon einigermaßen verständigen konnte.
Doch niemand schien ihr zuhören zu wollen, alle waren sie mit ihren eigenen Gesprächen beschäftigt.

Annegret fühlte sich immer einsamer in der großen Runde. Ihre Traurigkeit über die Situation wuchs ins unermessliche und sie konnte es nicht verhindern, das eine kleine Träne ihre Wange herunterlief. Hastig wischte die ältere Dame sie sich aus ihrem Gesicht, doch niemand hatte es bemerkt, waren doch alle nur mit sich selbst beschäftigt. Je länger sie diesem Stimmengewirr zuhörte desto mehr, schlug ihre Trauer in Wut um.
Sie stand auf und schaute alle an. Erst nach und nach hörten die Gespräche auf und verwunderte Gesichter blickten zu ihr empor.
Energisch stützte sie sich mit den Armen auf dem Tisch ab.

„Schämt ihr euch denn nicht?“, fragte sie entrüstet in die Runde.
„So lange habe ich auf diesen Tag gewartet, habe mich so gefreut euch endlich wieder zu sehen und ihr könnt mir nicht einmal den Respekt entgegenbringen und mir 5 Minuten lang bei meiner kleinen Ansprache zuhören?
Es ist mein Geburtstag, mein Ehrentag und ihr seid nicht in der Lage mir das zu schenken?
Euer Ohr, eure Aufmerksamkeit?
Ihr müsstet euch mal beobachten, ihr redet gegeneinander an, geht nicht auf den anderen ein oder seid die ganze Zeit nur mit euren Handys beschäftigt.
Ich wollte doch einfach nur ein entspanntes Kaffeetrinken und endlich einmal wieder erfahren, was in euren Leben vor sich geht. Wir sehen uns so selten und selbst dann kriege ich kaum etwas von euch mit. Ihr macht mich einfach nur traurig.“
Bei den letzten Worten war nichts mehr von ihrer Wut zu hören, sondern die geballte Traurigkeit hatte sich darüber niedergeschlagen.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Esszimmer, schnappte sich ihren Mantel und Stock und machte sich auf den Weg zu ihrer netten Nachbarin, ihre nun betreten schweigende Familie hinter sich lassend.

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Ein Gedanke zu “Kurzgeschichte: Krach beim Geburtstagskuchen

  1. Was für eine traurige Geschichte. Ich fürchte freilich, dass sie sich genauso zugetragen haben könne und womöglich , gar nicht so selten, auch schon so oder ganz ähnlich zugetragen hat.

    Ich mag Deine Art zu schreiben.

    Es entstehen Bilder in meinem Kopf, wenn ich diese Geschichte lese. Ich habe eine Vorstellung von der alten Dame, sogar von ihrem Gesicht, ihrer Statur, von der gedeckten Tafel, von etlichen der Verwandten. Ich habe sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen ziehen sehen und über ihr Rätsel gebeugt, mit einer Brille auf der Nase.

    Du schreibst sehr miterlebbar und nachvollziehbar zugleich. Und Du hinterlässt Raum für eigene, weitere Phantasie.-

    So ist es mir jedenfalls ergangen.

    An einer einzigen Stelle bin ich mal einen kleinen Augenblick stocken geblieben. Als ich las: „ertönte die heiß ersehnte Türklingel“ – Ich will kein Kritikaster sein und ich habe von Stilistik etc. keine wirkliche Ahnung, aber ich finde es wäre zutreffender an dieser Stelle zu schreiben: „ertönte, heiß ersehent, die Türklingel“.

    Bitte nicht böse sein wegen dieses Vorschlags – An meiner Einschätzumng und meinen Empfindungen für Deine Geschichte ändert sich damit gar nichts.

    Viele, sehr liebe Grüße an Dich Und: Schreib bitte weiter!!! :)

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